Familien in Costa Rica

Wir haben in letzter Zeit mehrere extrem arme Familien besucht und mit ihnen gesprochen. Um keine falschen Hoffnungen zu wecken taten wir dies unter dem Vorwand, Artikel über Costa Rica und die hiesige Bevölkerung zu schreiben. Jede interviewte Familie erhielt ein Honorar von 10'000 Colones (knapp 18 USD), was wenig unter einem Mindest-Tageslohn liegt. 

 

Über sechs Kinder und deren Familien haben wir Dokumentationen erstellt, welche ihr weiter unten findet. Es sind Zeugnisse wirklicher Armut. Wir hatten Euch im Februar über das Vorhaben einer Schweizer Familie orientiert, anstelle von Geburtstagsgeschenken ein Hilfsprojekt hier in Costa Rica zu realisieren. Selbstverständlich haben wir Monika und Marcel Gossweiler aus Niederlenz die Dokumentationen vorgängig zugestellt. Hoch erfreut durften wir zur Kenntnis nehmen, dass das Ehepaar Gossweiler spontan die Patenschaften für Anelys und Jonathan übernommen haben und damit die beiden Familien künftig spürbar entlasten werden.

Trotzdem empfehlen wir Euch, auch diese Dokumentationen (siehe unten) anzuschauen. Sie sind ebenfalls repräsentativ für tausende von Schicksalen hier in Costa Rica.

 

Nun suchen wir noch weitere Unterstützung für die restlichen Familien. Dies kann mit der Übernahme einer Patenschaft oder einfach mittels einer Spende sein. Wir haben uns nämlich fest vorgenommen, alle sechs Familien zu unterstützen und diesen so ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Trotz ständiger Zunahme der Spendengelder benötigen wir weitere Unterstützung für die Realisierung unseres Vorhabens. Bis auf eine kleine Notfallreserve fliessen alle Spenden direkt an die Bedürftigen. Hauptsächlich um den Schulbesuch von Kindern sicherzustellen.

 

 

Für Eure Unterstützung danken wir Euch ganz herzlich. Auch ein ganz grosses Dankeschön an alle, die bereits gespendet haben.


Ashley

Geht man auf das kleine, aber adrette Haus zu, in welchem die sechsjährige Erstklässlerin Ashly zusammen mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester wohnt, glaubt man nicht, dass die Familie unter der Armutsgrenze leben muss. Doch der Schein trügt. Der Vater hat keine feste Anstellung und hält die Familie mit Gelegenheitsarbeiten einigermassen über Wasser. Die Familie lebt gerne in diesem Haus weil es hübsch ist und ruhig liegt. Die Wohnfläche beträgt lediglich ca. 30 m2 und das Haus ist zwischen zwei anderen Häusern buchstäblich einge- klemmt.

 

Ashly geht gerne zur Schule, liebt Musik, Englisch, Mathematik und Spanisch. Sie möchte einmal Zahnärztin werden. Der Mutter grösster Wunsch wäre die Fortsetzung ihres Studiums im Gesundheitswesen. Auch das Haus möchte sie fertigstellen. Sie hofft, dass die Kinder gut aufwachsen und die Schule abschliessen können. Ashly wünscht sich, dass sie bei der Familie bleiben kann. Ausserdem stehen Kleider, Schuhe und Spielsachen auf ihrer Wunschliste.

geht. Sie hat auch Angst vor dem krank werden. Die grösste Sorge der Mutter ist der Mangel an Arbeit ihres Mannes. Das verursacht bei ihr grosse Zukunftsängste. Ausserdem ist ihr Vater, also Ashlys Grossvater, invalid (Fuss amputiert) und hat sich gerade erst vier Rippen gebrochen. Auch er steht vor einer ungewissen Zukunft. Ashly macht sich grosse Sorgen um ihren Vater, weil es ihm oft schlecht geht. Sie hat auch Angst vor dem krank werden. 

Ashly geht gerne zur Schule, liebt Musik, Englisch, Mathematik und Spanisch. Sie möchte einmal Zahnärztin werden.


Jonathan

Monika und Marcel Gossweiler aus Niederlenz in der Schweiz haben zu unserer Freude bereits die Patenschaft für Jonathan übernommen. Ein ganz herzliches Dankeschön.

 

Den Besuch beim neunjährigen Jonathan, seiner Mutter und seiner etwa 15-jährigen Schwester haben wir bis heute noch nicht verdaut. Die Wohnverhältnisse der Familie sind eindeutig die prekärsten, die wir je angetroffen haben. Das „Wohnhaus“ war wohl ursprünglich ein gedecktes Holzlager, welches nun Wände aus alten Brettern und gespannter Plastikfolie erhalten hat. Der Boden der ganzen Wohnung besteht aus rohem, abtaloschiertem Beton mit Löchern, und das Dach ist vielerorts undicht. Die Familie lebt seit drei Jahren hier. Der Vater hat die Familie

schon vor vielen Jahren verlassen. Die Mutter arbeitet je nach Auftragslage sechs bis zehn Stunden pro Tag als Hilfsarbeiterin in der benachbarten Schreinerei, deren Besitzer das „Wohnhaus“ der Familie gratis zur Verfügung stellt. Im Haushalt fehlt es praktisch an Allem. Nur das Allernotwendigste ist vorhanden. 

 

Die Mutter besitzt die Staatsbürgerschaft von Nicaragua, hat aber keine Niederlassungsbewilligung von Costa Rica. Ihr Pass ist abgelaufen und sie hat für die Erneuerung kein Geld, hält sich also illegal in Costa Rica auf (was kein Einzelfall ist). Dasselbe gilt für ihre ältere Tochter, welche nie eine Schule besucht hat. Ganz anders Jonathan. Er ist in Costa Rica geboren und somit automatisch costaricanischer Staatsbürger. Zudem besucht er die Schule hier. Es gibt noch einen älteren Bruder, welcher das Gymnasium in Atenas besuchen kann. Die Mutter wünscht sich sehnlichst ein eigenes kleines Häuschen. Ausserdem die costaricanische Niederlassungsbewilligung, und dass es der ganzen Familie besser geht und alle gesund bleiben. Ausserdem hofft sie, dass die beiden Buben die Schule abschliessen können. Ihre grösste Sorge ist, dass sie ihre Arbeit verlieren könnte.

 

Jonathan liebt Fussball, seine Familie und geht gerne zur Schule, wobei Mathematik seine Stärke ist. Er wünscht sich Spiele, Sportkleider und Sportschuhe. Auch er hofft, dass alle gesund bleiben und die Mutter ihre Arbeit behalten kann. Jonathan möchte Polizist werden. Beim Gespräch mit Jonathan und seiner Mutter ist diese in Tränen ausgebrochen, so dass wir das Gespräch auf ein Minimum reduziert haben.


Yeilin

Die Familie der sechsjährigen Yeilin besteht aus ihrer Mutter, ihrem neunjährigen Bruder und ihren Grosseltern. Der Grossvater ist Landarbeiter und hat als einziger ein Einkommen, welches für die ganze Familie reichen muss. Ein Landarbeiter verdient pro Monat umgerechnet etwa 450 US-Dollar, sofern er den gesetzlichen Mindestlohn erhält und fest und zu 100% angestellt ist, was bei weitem nicht selbstverständlich ist. Seit vier Jahren ist der Vater verschwunden. Sein Aufenthalt ist nicht bekannt und so können auch keine Alimente eingefordert werden. 

 

 

Das kleine Haus, in dem die Familie wohnt, gehört dem Arbeitgeber des Grossvaters und wird ihr gratis zur Verfügung gestellt. Trotzdem reicht das Geld nirgendwo hin und oft weiss die Familie nicht, wie sie Strom und Wasser bezahlen soll und was am nächsten Tag auf den Tisch kommt. Zum Glück dürfen sie etwas Gemüse und Obst vom Bauern nehmen. Aber von ausgewogener und gesunder Ernährung kann keine Rede sein. Pro Tico hat schon oft berichtet, wie teuer die meisten Lebensmittel hier in Costa Rica sind, manche sogar teurer als in der Schweiz.

 

Das Haus liegt sehr abgelegen und entsprechend lang sind die Wege zur Schule und zum Einkaufen, nämlich 30 Minuten zu Fuss. Yeilin besucht die erste, ihr Bruder die dritte Klasse.

Die grössten Wünsche der Mutter sind ein eigenes Häuschen zu haben (was wohl eher ein Traum ist, der nie in Erfüllung gehen wird), kürzere Schulwege und dass die ganze Familie gesund bleibe. Yeilins grösste Wünsche sind Kleider, Schuhe und eine Puppe die sprechen kann. Diejenigen ihres Bruders sind ein Velo, Kleider und Schuhe.

 

Die Mutter hat am meisten Freude an ihren Kindern, ihren Eltern und ihren Brüdern. Identisch äusserten sich die beiden Kinder. Lediglich Yeilin‘s Bruder erwähnte noch die Schule.

 

Die grösste Sorge der Mutter ist der permanente Geldmangel. Das belastet sie sehr. Yeilin und ihr Bruder machen sich grosse Sorgen um ihre Mutter. Ausserdem fehlt ihnen natürlich der Vater. Auch der Schulweg ist eine Belastung für die Kinder. 

 

Yeilin möchte einmal Zahnärztin oder eine berühmte Köchin werden, ihr Bruder Kunstmaler oder Musiker.

 

Mit einer Patenschaft werden die Kosten für Schuluniform, Rucksack, Schulmaterialien sowie sonstigen Kleidern und Schuhen übernommen. Es hängt natürlich von den Paten ab, ob sie noch weitere Hilfe leisten wollen. Jedenfalls ist alleine schon die Übernahme der Kosten für Schuluniform und -utensilien eine gewaltige Entlastung für die Familie, auch wenn sich diese Kosten pro Jahr und Kind umgerechnet zwischen 160 und 200 US-Dollar bewegen.


Cristian

 

Cristian lebt mit seinen Eltern in einem Häuschen, das auf den ersten Blick nicht einmal so übel aussieht. Bei näherem Hinsehen erkennt man aber die Mängel. Die Tragkonstruktion besteht aus Holzlatten, welche nur aussen mit einer Art gebrauchten und zum Teil beschädigten Eternitplatten verkleidet sind. Die Wände reichen nicht überall bis zum Dach, so dass Regen eindringt. Der Fussboden besteht ausschliesslich aus Erde. Es gibt einen einzigen Raum, welcher gleichzeitig Wohn- und Schlafzimmer ist. Die Einrichtung ist spartanisch. Hinten angebaut ist eine kleine Kühe. Einen Kochherd gibt es nicht. Gekocht wird auf einer Feuerstelle, welche mit einer Steinplatte abgedeckt ist. Unter dieser wird dann mit Holz so lange eingeheizt, bis die Steinplatte heiss genug ist. Kühlschrank und Haushaltgeräte gibt es nicht, mit Ausnahme eines alten Mixers. Den einzigen „Luxusartikel“ den wir gesehen haben ist ein uralter Fernseher. Die Unterkunft wird vom Arbeitgeber des Vaters gratis zur Verfügung gestellt.

 

Die Familie lebt seit acht Monaten hier, davor in mehreren Unterkünften in Morazán. Die Mutter findet den Ort schön, aber dieses Haus nicht so gut. Cristian gefällt es. Seine grössten Wünsche sind studieren zu können, Kleider, Schuhe und ein Computer. Er liebt es, mit der Familie zu leben und hat gleichzeitig Angst, diese zu verlieren. Die Mutter wünscht sich ein

eigenes Haus und ein besseres Leben. Sie hat Angst, dass ihr Mann arbeitslos wird und befürchtet, dass sie ausgewiesen werden könnten. Sie befürchtet auch, dass das Geld nicht ausreichen wird, um Cristian den Schulabschluss und später sein Studium zu bezahlen. Cristian will nämlich Arzt werden. Deshalb liebt er neben der Schule, Fussball, La Ando (ein traditionelles Spiel) auch Doktorspiele.


Anelys

 

Monika und Marcel Gossweiler aus Niederlenz in der Schweiz haben zu unserer Freude bereits die Patenschaft für Analys übernommen. Ein ganz herzliches Dankeschön.

 

Die neunjährige Anelys lebt zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrem 13-jährigen Bruder Manuel in einer gemieteten Einzimmerwohnung – besser gesagt der umgebauten Garage des Nachbarhauses. Das erkennt man an der mittels Bretterverschlag verschlossenen ehemaligen Garagentoröffnung. An die „Garage“ angebaut ist eine kleine Küche, welche auch Wirtschaftsraum ist. Die Familie lebt erst seit 6 Monaten in dieser Wohnung, aber schon 6 Jahre in Morazán. Den Eltern gefällt die Wohnung, auch wenn die Miete relativ hoch ist, weil sie sehr ruhig liegt. Den Kindern gefällt es in Morazán schon, im Haus selbst nicht, weil es gemietet ist und wenig Platz hat.

 

Ohne dass wir nachgefragt hätten, erzählte uns der Vater die finanzielle Situation der Familie. Er hat zurzeit eine feste Anstellung und arbeitet ausschliesslich nachts. Er hat ein Gehalt von 60 – 65‘000 Colones pro Woche, das sind zwischen 105 und 115 US-Dollar und liegt in etwa am gesetzlichen Minimallohn. Die Wohnungsmiete beträgt 90‘000 Colones (knapp 160 USD) pro Monat. Für das Wasser bezahlen sie monatlich durchschnittlich umgerechnet 20 USD und für den Strom 30 USD. Somit ist bereits knapp die Hälfte des Monatseinkommens aufgebraucht und es bleibt nicht mehr viel übrig für Nahrung, Kleider oder gar dringendste Anschaffungen.

 

Die Wünsche und Träume der Mutter sind ein eigenes kleines Haus zu haben, dass die Kinder die Schule abschliessen können und später alle Arbeit finden. Ausserdem möchte sie selber das seinerzeit begonnene Studium abschliessen. Der Vater möchte seine Arbeitssituation verbessern und damit auch das kommen. Dazu möchte er sich weiterbilden.

 

Analyses Wünsche sind ebenfalls ein eigenes Haus, Rollschuhe (die Kinder haben zwar alte Rollerblades, können aber nur mit stark zusammengekrümmten Zehen hineinschlüpfen und sie somit auch nur kurz benützen) und einen Hund. Manuel wünscht sich ein ferngesteuertes Auto,

ebenfalls ein eigenes Haus und einen Spielplatz.

 

Wer nun glaubt, dass es bei so viel Armut nichts mehr gibt, was Freude bereitet, der irrt sich. Bei allen stehen das funktionierende Familienleben und der Zusammenhalt an erster Stelle. Die Mutter freut sich, dass es ihr immer wieder gelingt, genügend Essen auf den Tisch zu bringen. Anelys geht zudem sehr gerne zur Schule. Ihre Stärken sind Mathematik und Englisch. Manuels Aufsteller sind nebst der Familie seine Freunde.

 

Unsere Frage nach den grössten Sorgen wurde sehr schnell und lautstark von Manuel beantwortet: „Unsere grösste Sorge ist das Geld, das nie reicht!“. Das sehen auch die Eltern so. Sie machen sich aber auch Sorgen, dass alle Familienmitglieder gesund bleiben. Man muss bedenken, dass in Costa Rica das Krankentaggeld nur 50% des Lohnes beträgt (sofern der Arbeitnehmer überhaupt versichert ist, was bei weitem nicht immer zutrifft). Somit ist auch klar, dass Familie und Gesundheit auch die grössten Sorgen der Kinder sind. Beide machen sich auch Sorgen darüber, dass sie die Schule nicht abschliessen können. Und das wäre für die Berufswünsche der beiden Kinder fatal: Anelys möchte Ärztin werden und Manuel Wissenschaftler.


Manuel

 

Der achtjährige Manuel besucht die zweite Klasse und wohnt zusammen mit seinem Vater, seiner Schwester, seiner Tante und deren Mann sowie deren beiden Kindern in einem ca. 20 m2 grossen Häuschen, welches vom Arbeitgeber des Onkels gratis zur Verfügung gestellt wird, weil der Onkel dort als Landarbeiter angestellt ist. Manuels Vater ist Bauarbeiter, seine Mutter schon lange ausgezogen. Gesprochen haben wir mit Manuel (später in der Schule) und seiner Tante, weil die Männer auf der Arbeit waren.

 

Das Haus hat zwei Zimmer. Ein kleines Schlafzimmer für die vierköpfige Familie seiner Tante und ein Mini-Wohnzimmer mit Küche, in dem auch Manuel, seine Schwester und sein Vater auf am Boden ausgerollten „Matratzen“ schlafen, welche tagsüber zusammengerollt werden müssen. Das Leben findet hauptsächlich auf der kleinen Veranda statt, wenn es das Wetter zulässt, denn das Haus liegt in einer kühlen und windigen Zone. Beide Familien wohnen seit 12 Jahren in diesem Haus.

 

Manuel leidet unter curricula no significativa, einer Lernschwierigkeit und erhält entsprechende Hilfe. Er möchte seine Schule unbedingt abschliessen, um dann Lehrer zu werden. Er liebt Mathematik, Spanisch und Englisch. Ausserdem liebt er seine Familie, seine Freunde, Fussball,

Tennis und Spiele. Dazu fehlen ihm aber die entsprechenden Utensilien, Kleider und Schuhe. Manuel will sich mit niemandem streiten. Wie auch seine Tante wünscht er sich ein eigenes grösseres Haus. Am derzeitigen Wohnort fühlen sie sich aber gut. Das Haus liegt schön und es ist sehr ruhig.

 

Trotz zwei Einkommen ist das Geld immer sehr knapp und gerade wenn wieder neue Schuluniformen und Schulutensilien angeschafft werden müssen, wird es zum Problem. Immerhin sind ja insgesamt sieben Mäuler zu stopfen und alle mit Kleidern und Schuhen zu versorgen. Und dann schwebt auch noch die Angst über der Familie, dass sie Costa Rica verlas- sen müssen, obwohl drei Kinder hier geboren wurden und somit auch costaricanische Staatsbürger sind. Nicaraguaner sind in Costa Rica nicht sehr beliebt und es gibt ständigen politischen Druck, möglichst viele von ihnen nach Nicaragua zurückzuschicken. Wohl auch deshalb, weil viele Arbeitgeber die meistens fleissigeren Nicaraguaner den etwas salopperen Costaricanern (Thema pura vida) vorziehen.